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Fort, aber wohin? - Wahrscheinlich weg vom Festland
28. 10. 1996

 

«Festland» von Markus Werner sind vielleicht die Notizen einer jungen Frau, Julia, die sie in der Ferienwohnung ihres Vaters in Orta macht. Notizen davon, wie sie ihren ihr fremden Vater trifft, und von ihm ihre eigene Geschichte erzählt bekommt - und seine Sicht des Alltags: «Man bleibt doch immer ein Mitknecht.»

 

«Mitte März, nach einem übertrieben zahmen Winter, wurde es eisig.» Julia hat eben ihr Studium der Linguistik mit einer Arbeit über die Dialogstrukturen der Alltagssprache abgeschlossen. Ihr Freund ist ein strebsamer Jungarzt, Arbeitstier und Workaholic. Er begreift sie mehr als Fall denn als Mensch, erkennt nicht, dass ihr von Anfang an bewusst war: Dieser nicht. So findet er lediglich medizinische Termini statt Verständnis für ihr Bedürfnis nach Alleinsein.

Da meldet sich Julias Vater, von dem sie seit ihrer Matura kaum mehr etwas gehört hat. Er möchte sie sehen, am liebsten bald. Er verreise: «Wahrscheinlich weg vom Festland.» Er nennt seine Adresse. Die beiden trennen Welten und doch nur fünfzehn Tramminuten.

Der Vater hat seinen rätselhaften «Gnadenstand» angetreten: Er ist nicht krank, nicht beurlaubt, nicht arbeitslos. Er lässt sich ganz einfach verleugnen, beantwortet keine Telefonate, keine noch so dringenden Faxe. Denn «da lebt man so schneidig, vergrössert den Tageslärm, verstickt sich ins Triebwerk, scheisst mit dem Expresskurs für Business Englisch auf den Knien, man strotzt und rollt und hört sich Passworte wechseln, geht mit dem Lob des Chefs ins Bett und stellt den Wecker auf halb sechs statt auf sechs, und nie das leiseste Grauen beim Hören des Tickens der Uhr, verkommen verödet verdumpft». Doch der Vater ist mitteilsam.

Bei ihren sieben Besuchen lernt Julia nicht nur ihren Vater kennen. Sie erfährt die Geschichte ihres Vater und ihrer Mutter, die mit einem andern verlobt war. Die Geschichte, weshalb die Mutter den Vater nie heiratete, eine Geschichte der Unvereinbarkeit des «Bürobubs» mit der noblen Familie der Mutter und seines Eifers, Sprachkurse zu belegen, Bücher zu lesen, sich im Boxkurs männlich zu zeigen. Die Geschichte der Mutter, wie sie in einer klaren Januarnacht erfror, auf der Suche nach einem Sternenpfad. Die Geschichte letztlich ihrer eigenen Entstehung.

So unvermittelt, wie der Vater auftauchte, so abrupt verschwindet er wieder, und nach zwei Tagen erfährt Julia von seiner Sekretärin, er sei soeben aus Stuttgart zurückgekommen und konferiere zur Zeit mit der Geschäftsleitung.

Peter Troxler

Festland. Roman von Markus Werner. Residenz Verlag, Salzburg und Wien: 1996. Fr. 00.00

Markus Werner liest am 30. Oktober um 20.00 Uhr im Saal der Buchhandlung Parterre aus seinem Roman «Festland».

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© Peter Troxler, 2000