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«Mitte
März, nach einem übertrieben zahmen
Winter, wurde es eisig.» Julia hat eben ihr
Studium der Linguistik mit einer Arbeit über
die Dialogstrukturen der Alltagssprache
abgeschlossen. Ihr Freund ist ein strebsamer
Jungarzt, Arbeitstier und Workaholic. Er begreift
sie mehr als Fall denn als Mensch, erkennt nicht,
dass ihr von Anfang an bewusst war: Dieser nicht.
So findet er lediglich medizinische Termini statt
Verständnis für ihr Bedürfnis nach
Alleinsein. Da
meldet sich Julias Vater, von dem sie seit ihrer
Matura kaum mehr etwas gehört hat. Er
möchte sie sehen, am liebsten bald. Er
verreise: «Wahrscheinlich weg vom
Festland.» Er nennt seine Adresse. Die beiden
trennen Welten und doch nur fünfzehn
Tramminuten. Der
Vater hat seinen rätselhaften
«Gnadenstand» angetreten: Er ist nicht
krank, nicht beurlaubt, nicht arbeitslos. Er
lässt sich ganz einfach verleugnen,
beantwortet keine Telefonate, keine noch so
dringenden Faxe. Denn «da lebt man so
schneidig, vergrössert den Tageslärm,
verstickt sich ins Triebwerk, scheisst mit dem
Expresskurs für Business Englisch auf den
Knien, man strotzt und rollt und hört sich
Passworte wechseln, geht mit dem Lob des Chefs ins
Bett und stellt den Wecker auf halb sechs statt auf
sechs, und nie das leiseste Grauen beim Hören
des Tickens der Uhr, verkommen verödet
verdumpft». Doch der Vater ist
mitteilsam. Bei
ihren sieben Besuchen lernt Julia nicht nur ihren
Vater kennen. Sie erfährt die Geschichte ihres
Vater und ihrer Mutter, die mit einem andern
verlobt war. Die Geschichte, weshalb die Mutter den
Vater nie heiratete, eine Geschichte der
Unvereinbarkeit des «Bürobubs» mit
der noblen Familie der Mutter und seines Eifers,
Sprachkurse zu belegen, Bücher zu lesen, sich
im Boxkurs männlich zu zeigen. Die Geschichte
der Mutter, wie sie in einer klaren Januarnacht
erfror, auf der Suche nach einem Sternenpfad. Die
Geschichte letztlich ihrer eigenen
Entstehung. So
unvermittelt, wie der Vater auftauchte, so abrupt
verschwindet er wieder, und nach zwei Tagen
erfährt Julia von seiner Sekretärin, er
sei soeben aus Stuttgart zurückgekommen und
konferiere zur Zeit mit der
Geschäftsleitung. Peter
Troxler Festland.
Roman von Markus Werner. Residenz Verlag, Salzburg
und Wien: 1996. Fr. 00.00 Markus
Werner liest am 30. Oktober um 20.00 Uhr im Saal
der Buchhandlung Parterre aus seinem Roman
«Festland». Printversion |