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50 Jahre Zeitzeuge
31. 8. 1996

Von «Bella Mari, vergiss mich nie» bis «Ich find' dich Scheisse», von der wundersamen Verzehnfachung der deutschen Kühlschränke und überhaupt von den grossen Ereignissen der letzten 50 Jahre berichtet die knapp 400 Seiten starke Jubiläumszeitschrift «46-96: Das waren Zeiten» des Berliner Axel Springer Verlags.

«Er war ein grosser Deutscher», Axel Springer, der Berliner Medien-Tycoon. So wurde er von Helmut Kohl gewürdigt, als er vor elf Jahren starb. Ohne Abitur schuf er das grösste Zeitungshaus Europas. Als Freund der Vereinigten Staaten von Amerika und Kämpfer für die «Einheit Deutschlands in Freiheit» gegen Linke und Kommunisten war er diesen ein Dorn im Auge. Er wurde terrorisiert, seine Häuser wurden angezündet, im Verlag Bomben gelegt.

Dieser Tage feiert jenes publizistische Imperium Deutschlands den Fünfzigsten, dessen Blätter sich selbst als Zeitzeugen des Geschehens bezeichnen. Die Welt, Bild, Bild der Frau und Bild am Sonntag, Hörzu oder Berliner Morgenpost sind Titel aus dem Programm. Der Verlag ist ausserdem beteiligt an SAT.1 und DSF, und mit CompuTel ist er deutscher Marktführer bei den interaktiven Medien.

50 Jahre nicht nur deutscher, sondern Weltgeschichte waren in ein buntes 5-Franken-Heft zu packen, dabei Kultur, Wissenschaft, Politik und Lebensstil angemessen abzuwägen. In über 1000 grossformatigen Bildern erzählt der Axel Springer Verlag, dass, worüber und wie er 50 Jahre Zeitzeuge war.

So tragen jene vier Doppelseiten zur Sowjetunion denn auch den Titel «Das Reich des Bösen zerbricht». Und Mythen sind Coca-Cola, Mickey Mouse, Elvis und James Dean, Jeans und die Freiheitsstatue. Meilensteine, das sind Retortenbabys, Wasserstoffbomben, Ölpest, Weltraumspaziergänge und Mikrochips. Glücksmomente die Heriat von Lady Di und Prince Charles, die Heimkehr der letzten Kriegsgefangenen, Deutschland als Fussballweltmeister 1974 (unter dem «Kaiser»), die Nacht der Deutschen (9. November 89), überlebte Flugzeugabstürze und Simon, «das erste Kind der neuen deutschen Freiheit».

Kriege, Frauen, Attentate, Sport noch zuerst, dann Tragödien, Umwelt, Kunst und Mode, versetzt mit Quelle-Werbung, werden abgehandelt als artig-bunte Häppchen von fünf bis zehn Seiten - viel Bild, wenig Text. Die «Chronik ohne Vorbild» der Jahre 1946 bis 1996 nimmt gerade mal zwei Doppelseiten in Anspruch, eine Doppelseite versammelt jene rund 400 grossen Namen, die in das Gedächtnis der Menschheit eingingen.

Musik ist Rubinstein, der seinen Flügel küsst, und Michael Jackson, der den Rhythmus nur zwischen den Beinen spürt, ist «Die drei Tenöre» an der Fussball-WM, Nina Hagen und «Lili Marleen» (halt: war das nicht 1941?), Heintje, die (mittlerweile freigesprochenen) Kellys und Starlight Express.

Für die Medizin muss einmal mehr Michelangelos David als Titelphoto herhalten: Herztransplantation und Retortenbaby Louise Brown, Aids und BSE sind dann die Themen. Die «Erfolge der Gen-Technik» werden gar auf zwei Textseiten ausführlich gewürdigt. Fünf Zeilen müssen der Feststellung genügen, dass «die Gen-Technologie auch neue Ängste geweckt» hat.

Auch das Kapitel Zukunft dominiert technokratischer Optimismus: Computer, Höchstgeschwindigkeitszüge, Flugzeug und Raumfahrt. Das Auto - von Renault 4 CV und BMW Isetta bis zum Swatch-Mobil (Concept Mercedes) ist optisches Leitmotiv, unterstrichen durch ein sechsseitiges Inserat eines Autoherstellers, der (wie Springer) Träger des deutschen Wirtschaftswunders war. Pressegeschichte ist eben auch Werbegeschichte: denn «erfolgreiche Kampagnen in den Publikationen des Verlages sind ein Wegbegleiter des Erfolgs».

Den Abschluss des Hefts machen eine Kürzestbiographie Axel Springers und drei Kapitel zum Selbstbewusstsein der Deutschen, deren Untertitel für sich sprechen: «Geschlagen, geteilt, vereint», «Der Mann verlor den Stichentscheid» und «Weltmeister im Export».

Zugabe sind jene Photos im Stil des gähnenden Beichtvaters, schauderhaft als «Bon Shots» bezeichnet, die nur zum Teil witzig sind. 46-96: 50 Jahre Geschichten, 50 Jahre Bilder, die die Welt bewegten. Und, wie eine Anzeige rhetorisch fragt: «Bilder, die auch das Geld bewegten?»

46-96: Das waren Zeiten. 50 Jahre Springer - 50 Jahre Zeitzeuge. Axel Springer Verlag AG. Erhältlich am Kiosk für Fr. 5.-

Printversion

© Peter Troxler, 2000