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Er
würde jetzt in der Zeitung eine Annonce
aufgeben - oder noch besser ein richtiges,
ganzseitiges, vierfarbiges Inserat. Schluß
mit dem kleingewerblichen Dasein, es müsse
endlich vorwärts - und vor allem:
aufwärts gehen. Womit denn, wagte ich mich zu
erkundigen, gleichzeitig wenigstens mit Mim- und
Gestik mich entschuldigend, daß ich es
überhaupt mir anmaßte, noch zu fragen,
denn mein ziemlich guter Freund pflegt die Maxime,
nichts zweimal zu erzählen, wenigstens nicht
am gleichen Abend, zumindest nicht am gleichen
Tisch, jedenfalls nicht bei der gleichen Flasche.
Und da die erste, oder, was dasselbe sein
könnte, den Sachverhalt mit großer
Wahrscheinlichkeit aber besser traf, die letzte
bereits so viel wie leer war, ließ sich
schnell eine nächste hinzustellen, womit
Zeisigs Maxime fürs erste Genüge getan
war, so daß er anhub, erst das Glas, dann zu
sprechen: Ob
es mir denn nicht auch aufgefallen sei; je mehr
sich Psych- und Soziologen mit dem Thema
beschäftigen würden, umso weniger sei
Kommunikation noch existent in unserer
Gesellschaft. Je mehr Technologie sie erleichtere,
umso weniger sprächen die Leute noch
miteinander. Ja es sei sogar schon so weit
gekommen, daß er einen ganzen Abend mit sich
und seinem Spiegelbild habe verbringen müssen.
Und wie um es zu erhalten, schenkte er nach. Darum
habe er also ein Geschäft gegründet, eine
Firma. Er zei zum Unternehmer avanciert. Doh handle
er nciht mit materiellen Gütern. Er bringe den
Leuten das zurück, was sie mehr und mehr
verlören dank der Bemühungen der
Techniker und der Sorge der Psychologen. Er handle
sozusagen mit Kommunikation. An
dieser Stelle muß ich wohl dem Zeisig etwas
zu aufmunternd zugetrunken haben. Denn die
Kommunikation der nächsten eineinhalb Stunden
bestand in einer mittelschweren Vorlesung des
Zeisigs über sein Tarifsystem, das er in
stundenlangen Auseinandersetzungen mit sich selbst
und Jakob Daniels entworfen hatte. Leider
ist mir davon nicht sehr viel geblieben, weshalb
ich darauf verzichte, all die Einzelheiten
wiederzugeben, wie Zeisig seine Kunden in Klassen
einteile, deren primäres
Unterscheidungsmerkmal die Quersumme der Buchstaben
im Vornamen der Klienten sei, wozu er eine geigene,
neue Algebra hätte kreieren müssen, denn
es sei nicht möglich, die Buchstaben, so der
Zeisig, mit herkömmlichen Mitteln korrekt quer
zu summieren, so daß die Patienten - er wurde
immer eifriger in den Bezeichnungen - auch in die
richtigen Klassen eingeordnet würden,
wohingegen, was mir zwar noch viel weniger
einleuchtete, doch das sei gerade die Absicht
dabei, wie mir der Zeisig versicherte, das zweite
Kriterium streng medizinisch zu handhaben sei - er
beurteile seine Kunden nach ihrer
Farbfehlsichtigkeit. So könne er
schließlich für jede Person das
geeignete Kommunikationsprofil entwickeln und die
richtigen Dienstleistungen anbieten. Unterdessen
bei der übernächsten Flasche angelangt,
setzte er mir sein Spezialgebiet auseinander und
dozierte, welche Vorteile runde Ecktische
gegenüber eckigen Ecktischen mit runden
Hockern hätten, und welchen Einfluß die
Dicke des Tischblattes auf die Stimulation des
Gesprächsverlaufs habe. Mag
es am Tischblatt gelegen haben, an den
Sitzgelegenheiten, oder einfach am Einfluß
des gülden schimmernden Getränks - die
weiteren Differenzierungen der Marketingstrategie,
der Produkt-Markt-Kombination und gar die Unique
Selling Proposition des Zeisig zu rekonstruieren
will mir nicht gelingen, so sehr ich meinen Kopf
auch martere - wo er doch gemartert genug schon
ist. Einzig
des Zeisigs Schlußsatz ist mir in Erinnerung
beblieben, dass er nämlich jetzt ein Inserat
aufgeben würde, viskiyim in großen roten
Lettern drauf geschrieben, welch seltsames Wort mir
seither im Kopfe geistert, ohne einen Sinn zu
machen. Noch zwei, drei, viermal wiederholte er das
Wort - und dann war er mit einem Mal verschwunden,
eingegangen in der Geist der Flasche, aus der er
entstieg. P.
I. Lazoff Printversion |