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Es
fällt ja immer schwerer zu schenken. Wo ist
noch übriger Platz? Oh, dieses Elend, nicht
mehr zu wissen, was wünschen. Satt und
bedürftig hieß mein Zustand, als ich
mir, nach Wünschen befragt, auf Weihnachten
eine Ratte wünschte. Eine weibliche sollte es
sein. Doch bitte keine weiße mit roten Augen,
keine Laborratte bitte, wie sie bei Schering und
Bayer-Leverkusen in Gebrauch sind. Ich hatte meinen
Wunsch annähernd vergessen, als mich am
Heiligen Abend die Rättin in ihrem Käfig
überraschte. Ich sprach sie an, töricht.
Ihre Witterhaare nehmen mich wahr. Schluß!
sagt sie. Euch gab es mal. Gewesen seid ihr,
erinnert als Wahn. Nie wieder werdet ihr Daten
setzen. In Zukunft nur Ratten noch. Anfangs wenige,
weil ja fast alles Leben ein Ende fand, doch schon
vermehrt sich die Rättin erzählend, indem
sie von unserem Ausgang berichtet. Mal fistelt sie
bedauernd, als wolle sie die jüngsten
Würfe lehren, uns nachzutrauern, mal
höhnt ihr Rattenwelsch, als wirke Haß
auf unsereins nach: Weg seid ihr, weg! - Sie spielt
mit meinen Ängsten, die ihr handlich sind:
Endzeitbeschwörung à la Günter
Grass, Die Rättin. (rororo 12200). Dear
Doosie, warum ich Sie Doosie nenne, fragen Sie?
Well, my dear, don't you understand German -
verstehen Sie denn kein Deutsch? I am calling you
Doosie, weil ich noch nicht recht weiß, ob
ich Du oder Sie zu Ihnen sagen soll. Deshalb.
That's why. "
ob ich Du oder Sie
"
Könnten Sie mir bitte einmal ganz schnell
dieses "ob" übersetzen? Gut! (bzw.:) Schlecht!
Nicht if, sondern whether, ausgesprochen wie
weather, Wetter. Womit wir unsere Unterhaltung sehr
englisch angefangen haben, mit
Wettergeschwätz. Und
dann legt er los. Er?: Sie könnten mich etwa -
das wäre übrigens sehr englisch - nur mit
dem Anfangsbuchstaben meines Vornamens anreden,
with my initial, W. Dieses W dann aber bitte meinem
englischen Paß zuliebe englisch aussprechen:
"double you", doppelt Du-Sie. W -
double you - ist gebürtiger Berliner,
mußte als Jude 1933 Deutschland verlassen,
ging nach Spanien, dann nach England, wurde
politischer Sachberater bei den Briten und
Amerikanern. In die Bundesrepublik
zurückzukehren gelang ihm lange nicht; in
Schweden arbeitete er als Druckereikorrektor und
wurde immer mehr zum Sozialfall, ging am Exil fast
zu Grunde, litt am Verlust seiner Sprache - und
bringt dann 1977 seine Doosie-Liebesbriefe heraus,
spritzig, frisch, humorvoll - und ernst zugleich.
Dear Doosie. Eine Liebesgeschichte in Briefen. Auch
eine Möglichkeit, sein Englisch spielend
aufzufrischen. Von Werner Lansburgh. (Fischer TB
2428). Alvier
ist ein Berg, irgendwo in der Ostschweiz, 2345
Meter hoch. Und wo hohe Berge stehen, sind tiefe
Täler, wo die Enge, die Ausgeschlossenheit,
die Vereinsamung brüten, wo Utopien keinen
Platz haben, wo sich Hoffnung und Verzweiflung in
einem dürren Schweigen vereinen. Franz
Böni schreibt Erzählungen, um an seinem
aufgestauten Mitteilungsbedürfnis nicht krank
zu werden. Und so handeln seine Texte von der
Einsamkeit, der Abgeschiedenheit. Wie sie in diesen
Gegenden entstehen muß. Und wie sie in den
Fabriken rund um Winterthur, im Zürcher
Oberland, in der Ostschweiz gezüchtet wird. Ob
die Leute daran zu Grunde gehen? Böni
läßt das Schicksal seiner Gestalten
offen. Irgendwo bleiben die Geschichten auf der
Strecke, lassen Verwirrung zurück; Fragen
Alvier. Von Franz Böni. (edition
suhrkamp 1146). Es
gibt horizontales und vertikales Reisen. Das
horizontale Reisen erweist sich in flächen-
und raumdeckender Fortbewegung unter stetigem
Wechseln des eigenen Standorts in bezug auf
Längen- und Breitengrade. Es verläuft
zweidimensional ohne Furchen in der Welt oder bei
den Reisenden zu hinterlassen. Vertikales Reisen
hingegen - obwohl es in der Folge vom horizontalen
Reisen auftreten kann - findet an jedem beliebigen
geographischen Ort statt, erhebt sich raketengleich
in den Himmel, grüßt die Götter und
die Sterne, oder lotet in Tiefen des Untergrunds
und der Seele, wohin uns die Schulweisheit nie ein
Ticket ausstellen würde. Berichte aus dem
Überall - Guten Abend, hier ist das Morgenland
- Die Phantastische Produktionsweise -
Auseinandersetzung mit fremden Kulturen, oder
schließlich doch mit der unseren? Micky
Remann: Der Globaltrottel. (Rotbuch
296). K.
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